Herr Wolff, Ihr Buch „Allein mit dem Handy" war 2024 ein Spiegel-Bestseller – warum jetzt die Neuausgabe?

Vor allem im Bereich KI beschleunigt sich die Entwicklung immer mehr – hier hat sich seit 2024 alles grundlegend verändert; vor allem nutzen Kinder und Jugendliche inzwischen KI viel mehr als ihre Eltern denken – und ganz anders! Zudem ist das Thema „Kinder & Smartphones“ durch die Debatte um ein technisch geprüftes Mindestalter für Social-Media-Apps (aka „Social-Media-Verbot“) in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Endlich!

Was hat sich für die junge Generation in Sachen Medienkonsum in den letzten zwei Jahren verändert?

Bei den ganz jungen Kindern sehe ich vor allem den Aufstieg von YouTube im „Shorts“-Modus: Mit seinem „TikTok-Modus“ hat Google es geschafft, auch sehr junge Kinder noch mehr an YouTube zu fesseln als vorher schon – während die meisten Eltern den „Shorts“-Modus aus eigener Erfahrung gar nicht kennen.

Welchen Rat haben Sie für Eltern, die ihren Kindern ein Smartphone geben?

Diese Entscheidung müssen die Eltern wohl durchdacht und vorbereitet treffen. Ich glaube, alle Eltern sollten sich vorab selbst intensiv damit auseinandersetzen, was Kinder heute im Internet erleben! Die meisten Eltern, die Bescheid wissen, verschieben die Smartphone-Übergabe möglichst weit nach hinten….

Ab wann ist ein eigenes Handy überhaupt sinnvoll?

Das kommt weniger auf die Kinder an als auf ihre Eltern: Wie viel wissen sie darüber, was Kinder im Internet erleben? Haben sie viel Zeit für ihre Kinder? Haben sie ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Kindern? Ich persönlich habe berufsbedingt so viele schlimme Dinge mit Kindern und Smartphones erlebt, dass ich die Eltern-Initiative „Smarter Start ab 14“ unterstütze…

Was sollten Eltern über Handyspiele – wie z.B. Brawl Stars, Roblox oder Clash Royale – wissen?

Sie sind leider nicht so harmlos wie sie aussehen: Moderne Handy-Spiele tun sprichwörtlich alles dafür, dass die Kinder nicht mehr aufhören können – denn viele blenden immer wieder Werbung ein – und je länger die Kinder zocken, desto mehr verdienen die Firmen. Andere wollen die Kids mit allen Psycho-Tricks der Welt dazu verführen, möglichst viel Taschengeld in den In-App-Stores zu lassen. Ich empfehle Eltern, sich über JEDES Handy-Spiel zu informieren, BEVOR man es seinem Kind erlaubt. Wenn man informiert ist, wird man manche Spiele seinen Kindern nämlich nicht mehr erlauben…

Was macht ein soziales Netzwerk – wie z.B. TikTok – für Kinder und Jugendliche riskant?

Das kann man auf drei Zeilen kaum ausreichend darlegen: Suchthaftes Ansehen von Kurzvideos (TikToks, Shorts, Reels oder Spotlights), Anmache durch Pädokriminelle (Cybergrooming), Cybermobbing, Fake News, Hate Speech, falsche Vorstellungen von Körpern und Geschlechterrollen, Drogenhandel, Horror- und Gore-Content und vieles mehr. Das größte Risiko besteht aber darin, dass viele Kinder ihren Eltern nicht erzählen, wenn etwas schief läuft – aus Angst vor Verboten. In meinen Augen sind soziale Netzwerke für Kinder nicht geeignet!

Cybermobbing, Sexting, Companion-Chatbots…: Wie gelingt die Aufklärung unserer Kinder?

In erster Linie durch aufgeklärte Eltern. Lesen Sie sich schlau – es ist alles da! Man kann nie genug wissen über die digitale Lebenswelt unserer Kinder. Denn wenn wir Eltern es nicht tun, übernimmt das Internet die Aufklärung unserer Kinder – und das können wir auf gar keinen Fall wollen!

Welche Herausforderung sehen Sie bei dem Instant-Messenger WhatsApp?

Whatsapp ist weitaus mehr als „nur“ ein Messenger! Jedes Kind, das Whatsapp hat, hat automatisch auch Zugriff auf die KI „Meta.AI“ – die kann man nicht ausschalten. Manche Kinder kommunizieren mit „Meta.AI“, als ob es ihr bester Freund wäre! Zudem ist Whatsapp durch die „Kanäle“ inzwischen eine Social-Media-Plattform (auch wenn viele Eltern das nicht wissen). Ach ja, und unbegrenzt YouTube schauen kann man in den Whatsapp-Kanälen auch noch…

Was können Eltern tun, deren Kind bereits „süchtig“ ist?

Bei der Suche nach Ursachen empfehle ich Eltern, erstmal bei sich selbst anzufangen: Habe ich vielleicht nicht aufgepasst und meinem Kind ein Gerät erlaubt, das gefährlich sein kann – ohne es genügend vorzubereiten oder zu begleiten? Hänge ich vielleicht auch selbst zu oft am Handy? Kinder sind niemals „schuld“ daran, wenn sie süchtig werden – verantwortlich sind immer die Eltern! Jetzt helfen nur noch klare Regeln und technisch festgelegte harte Zeitlimits…

Sie sprechen von einer „digitalen Schweigemauer": Was ist das – und wie können Eltern sie durchbrechen?

Nahezu alle Kinder erleben eher früher als später im Internet „krasse Sachen“ wie extreme Gewaltdarstellungen oder Pornographie – ohne dass sie danach gesucht hätten! Sie wollen sich Hilfe holen, trauen sich allzu oft tragischerweise aber nicht zu ihren Eltern, denn dann könnte die schrecklichste Strafe des digitalen Zeitalters drohen: Smartphone-Verbot! Aus dieser Angst heraus gewöhnen sich die meisten Kinder (und fast alle Jugendlichen) daran, einfach alles zu verschweigen – die Schweigemauer wächst. Eltern haben nur eine Chance: Sie müssen alles dafür tun, dass ihre Kinder ihnen vertrauen. Das geht aber nur mit viel Zeit, Arbeit und Nerven!

Wie funktioniert das „Eltern-Pakt“-Modell?

Wenn alle Eltern einer Grundschule sich schon bei der Einschreibung freiwillig verpflichten, ihrem Kind in der Grundschule oder in den 5./6. Klassen noch kein Smartphone zu überantworten, sprechen wir vom Eltern-Pakt – ein Begriff der Eltern-Initiative „Smarter Start ab 14“. Den Kids macht das wenig aus, denn die Regeln sind klar – und vor allem für alle gleich. Mehr Info dazu gibt’s auf www.erstsmartdannphone.de.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz schon heute im Leben von Kindern und Jugendlichen – und was kommt in den nächsten Jahren auf Familien zu?

Ich bin überzeugt: KI wird das Leben unserer Kinder stärker und bald auch schneller verändern als jede andere Technologie. Das größte Thema für Kinder dabei: Ein KI hat keine Gefühle – auch wenn es sich sehr stark so anfühlt! Eine KI kann also nie ein wirklicher „Freund“ für Kinder sein. An dieser Thematik werden bald auch Erwachsene zu knabbern haben…

Was wünschen Sie sich für die Medienerziehung an Schulen?

Ein verpflichtendes Schulfach „Medienkompetenz“ ab der 1. Klasse! Man könnte es auch „Digitalität“ oder „Digitale Bildung“ nennen – aber Hauptsache, wir beginnen in den Schulen endlich, unsere Kinder auch in Sachen Internet vernünftig zu unterstützen!

Sie sind Vater von drei Kindern: Wo erleben Sie selbst die größte Lücke zwischen fachlicher Theorie und Familienalltag?

Mein 15-jähriger Sohn hat schon dreimal meine Zeitlimits gehackt – vielleicht sogar öfter. Trotzdem halte ich Zeitlimits und Kinderschutz-Software generell für unverzichtbar – vor allem für Kinder im Grundschul-Alter. Den besten Kinderschutz gewährleisten aber immer anwesende, verständnisvolle und kompetente Eltern…

Zum Schluss: Was ist Ihr wichtigster Tipp für die Medienerziehung im Familienalltag? :)

Bitte kauft Euch ein Familienladegerät, also eine Multi-Ladestation für alle Smartphones, Tablets und mobilen Spielekonsolen der Familie! Baut es an einer guten Stelle auf, die für alle zugänglich ist und sammelt alle anderen Stecker-Netzteile ein. Dazu kommt die „Zähneputzen-Zähneputzen-Regel“: Niemand in der Familie nutzt ab sofort noch digitale Geräte nach dem Zähneputzen Abends – und Morgens vor dem Zähneputzen bitte auch nicht (eventuell braucht man dann noch ein paar Wecker). Wenn die Kinder sehen, dass die Eltern sich regelmäßig daran halten, können sie viel besser lernen, auf Dauer auch selbst kein Smartphone ins Bett zu nehmen. Und dann schlafen sie genug – und viel besser! Ich glaube, das sind wir unseren Kindern schuldig.

Danke, Daniel Wolff!